Nicki und das Kamelaun (Leseprobe)
Eine Abenteuer-Roman für Kinder von Martina und Martin Hilger
Kapitel 1 - Kamelaun hungt!
‚Das sieht gar nicht nach dem Weg aus auf
dem ich hierher gekommen bin', dachte Nicki schon ziemlich verzweifelt.
Nicki, dass da gleich einmal keine Verwirrung aufkommt, ist ein Mädchen,
9 Jahre alt, nicht groß und nicht klein, mit blondem, kinnlangem
Haar und rund um den Hals lauter Muttermalen, das schaut aus, als ob sie
eine Perlenkette hätte. Seit einer guten Stunde versuchte sie nun
ihre Mutter und deren Freund Martin wiederzufinden, dabei war sie doch
nur ein kleines Stück auf dem Weg vorausgelaufen. Ob sie vielleicht
vom Hauptweg abgekommen war? Sich im Regenwald zurechtzufinden war doch
etwas ganz anderes, als zu Hause durch den Wald zu spazieren.
Eigentlich hatte sich dieser Tag nicht von all
den anderen der Abenteuerreise unterschieden. Die Familie wachte durch
die Rufe von exotischen Vögeln und den geheimnisvollen Klang des
Dschungels schon in den frühen Morgenstunden auf. Nicki hat später
noch oft nachgedacht, ob nicht irgendetwas anders war, irgendetwas, was
darauf hinwies, was heute noch geschehen sollte. Die Brüllaffen,
Totenkopfäffchen und Weißschulterkapuziner turnten irgendwo
in den höchsten Gipfeln der Kaffeebäume und begrüßten
den Tag mit lautem Geschrei, die Gelbwangenamazonen und hellroten Aras,
die Tukane und Cayenne-Fuchskuckucke flatterten mit lautstarkem Geschrei
im Schutz der gigantischen Balsabäume und auch die Fledermausfamilie,
die sie gleich am Tag ihrer Ankunft entdeckt hatte, schlief zufrieden
und vollzählig unter dem Dachvorsprung der Terrasse.
Das Krokodil Lorenzo blinzelte gelangweilt aus
dem kleinen Weiher vor dem Lodge-Speisesaal und beim Frühstück
wurde wie üblich die Route für die Tagestour durch den Dschungel
festgelegt. Ausgerüstet mit Wanderstiefeln, langen Stöcken,
Rucksäcken mit ausreichend Wasser, etwas Obst und Brot machten sie
sich auf den Weg durch das dichte Grün. Nicki hatte schon als ganz
kleines Mädchen gelernt, mit offenen Augen und geschärften Sinnen
durch die Welt zu wandern, und so entgingen ihr auch nicht die haarige
Tarantel in einer Baumhöhle, die leuchtenden Pilze oder das Faultier,
das träge und fast regungslos im Blätterdach hing. Eigentlich
waren lange Wanderungen nicht ungbedingt ihr Ding, aber wenn man im Urwald
über mit Würgfeigen überwucherte umgestürzte Baumstämme
klettert, durch Flussläufe watet, sich dicht an der Felswand unter
einem Wasserfall vorantastet, dann ist das was anderes; da hatte sie vor
lauter Entdeckungen gar keine Zeit zu maulen und zu jammern. Wenn man
sich nicht gerade verirrt hatte, machte das ja auch richtig Spaß!
Ach, halt, EINES war doch anders an diesem Tag:
es war ein sehr spezieller Tag, Nickis Geburtstag! An diesem Abend sollte
es in der Lodge ein Fest geben, aber daraus würde wohl nichts werden,
wie sollte sie jemals wieder zurück finden? Nicki rief noch mal nach
Leibenskräften: „M-A-M-A!!!! M-A-R-T-I-N!!!!" Sie spürte,
wie die Tränen langsam hochstiegen, ihr wisst ja, wie das ist, so,
als ob man einen Knödel im Hals hätte. Wäre da nicht lautes
Rascheln im Unterholz gewesen und wäre nicht urplötzlich ein
ausgesprochen merkwürdiges kleines Wesen mit einer großen Schnauze
(oder war es doch ein Schnabel?) zwischen den Blättern einer wunderschönen
roten Orchidee aufgetaucht, so wäre Nicki ganz sicher in Tränen
ausgebrochen.
"Ka-me-laun hungt!", rasselte das Wesen.
Und noch einmal, diesmal etwa lauter: "Kamelaun hungt!" Nicki
riss Mund und Augen auf. Ihr Herz klopfte bis zum Hals und am liebsten
wäre sie wie ein Blitz weggerannt; wenn sie bloß gewusst hätte,
wohin! Ob dieses Etwas vielleicht sogar giftig war oder ob es sie anfallen
würde? Wie war nochmal die Regel, wenn man auf Tiere stieß,
die man nicht kennt? Ruhig stehen bleiben, Augen gesenkt halten, abwarten
und nach Möglichkeit nicht zeigen, dass man Angst hatte. Klingt ja
eigentlich ganz einfach, aber wenn man dann mutterseelenallein im tiefen
Wald vor einem sprechenden Lebewesen steht, das man noch nichteinmal in
einem Buch gesehen hatte, dann sieht die Sache schon wieder ganz anders
aus. Nicki atmete einmal tief durch und bekämpfte Ihre Panik. Vorsichtig
blinzelte sie unter gesenkten Augenlidern nach dem Ding, das immer noch
seinen Kopf aus der Orchidee steckte und eigentlich ja gar nicht so gefährlich
aussah. Im Gegenteil, irgendwie schien es sich sogar um Hilfe umzusehen.
Das seltsame Wesen legte seinen für den kleinen
Körper etwas zu großen gelb-grünen Kopf schräg und
sah sie fragend mit seinen großen Augen an. Der Kopf hatte eine
etwas längliche Form und es war beim langsam verschwindenden Licht
nicht ganz klar ob es nun eine Schnauze oder einen Schnabel hatte. Vogel
war es aber jedenfalls keiner. Am auffälligsten waren die grossen
Augen und die leuchtenden Farben des kurzen Felles, das fast wie Moos
aussah, da gab es Grüntöne und Gelbtöne, und der Schopf
bestand aus zwei witzigen, langen gelben Haare die dem Wesen zu Berge
standen. Ein langer, dünner Hals, der rastlos hin und her schwankte,
wie ein Schilfrohr im Wind, ging schulterlos in zwei Pfoten mit Greiffingern
über. Wie der Rest des Wesens aussah war nicht ganz klar denn es
lugten ja nur Kopf und Hals zwischen den Orchideenblättern hervor.
Aber es schien nicht besonders groß zu sein und zumindest die Pfoten
(oder eher Hände?) hatten auch diese leuchtenden Farben.
Ausgerechnet an ihrem Geburtstag war nun also auf
ihrer abenteuerlichen Wanderung durch den Dschungel von Costa Rica auf
einmal dieses merkwürdige Wesen vor ihr aufgetaucht. Stille. Nur
der Wind in den Blättern und die vielen anderen kleinen Geräusche
des Waldes waren zu hören. Und dann kam da schon wieder dieser merkwürdige
Laut der sich anhörte wie "Kamelaun hungt!"
Was es ihr wohl zu sagen versuchte? Ganz offensichtlich
hatte es auch keinerlei Angst vor ihr. Nicki setzte sich vorsichtig auf
eine große Wurzel, die etwa zwei Meter entfert am Rand des Pfades
lag und betrachtete das Wunderwesen nachdenklich. Ob es wohl Hunger hatte?
Nicki legte langsam ihren Rucksack ab und kramte mit ruhigen Bewegungen,
um das Etwas nicht zu erschrecken, das Brot hervor, brach ein kleines
Stückchen ab und legte es auf den Boden. Der Kopf des Wesens näherte
sich dem Brotstückchen, begann daran zu schnüffeln und zu lecken,
schnappte es plötzlich und verschlang es mit regelrechtem Heisshunger.
Nicki legte weiteres Brot auf den Boden und im nächsten Augenblick
war auch dieses Stück weg. So ging das noch eine ganze Weile, bis
alles bis auf den letzten Krümel verputzt war. Das Etwas leckte mit
seiner kleinen, spitzen rosa Zunge zufrieden über seine Schnauze,
quiekte mit schrägem Kopf: „Kamelaun" und setzte noch
einen gewaltigen Rülpser hinterher. Nicki musste kichern und plötzlich
kam ihr eine Idee. „Ist Kamelaun etwa dein Name?", fragte sie.
Mit einem Satz hopste das Ding aus der Orchidee und wuselte auf kurzen,
grünmoosigen Beinen auf Nicki zu, die mit weit aufgerissenen Augen
stocksteif auf ihrer Wurzel saß und nicht recht wußte, wie
ihr geschah. Es legte den langen Hals mit dem zu großen Kopf auf
ihre Oberschenkel und seufzte ganz glücklich „Kamelaun. Kamelaun."
Zögernd hob Nicki ihre Hand und strich dem Ding vorsichtig über
das Fell, das sich wunderbar weich und zart anfühlte, tatsächlich
so wie ein großer, dichter, weicher Moospolster, es roch auch ganz
danach. Kamelaun blinzelte verzückt, ließ sich streicheln,
drehte sich auf den Rücken und streckte das runde, brotgefüllte
Bäuchlein in die Luft. Das glaubt mir kein Mensch, dachte Nicki und
sah dem Kamelaun zu, wie es wohlig die kurzen Beinchen dehnte und genüsslich
die jeweils vier Zehen spreizte.
Copyright © 2004, Martina Hilger, Martin Hilger
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